Vorwort zur zweisprachigen Ausgabe »100 Sonette für die Liebe«
Nachdem ich feststellen musste, dass in der vom Koreanischen Brecht-Gesellschaft herausgegebenen Auswahl von Brechts Lyrik ausgerechnet der Band seiner Sonette fehlte, veröffentlichte ich im Jahr 2018 die vollständige Übersetzung seiner Sonette unter dem Titel »Versuchung der Engel«. Seither sind sieben Jahre vergangen.
In dieser Zeit folgten weitere Publikationen, die die Vielseitigkeit des Sonetts unter Beweis stellen sollten: die Übersetzung »Klabund – Sonette der Klage« (2021) sowie meine eigenen Schöpfungen »Sonetten-Psalmen« (2019) und »Leidenschaft in vierzehn Zeilen« (2021). Mit der komparativen Studie »Deutsch-französische Dichter begegnen Li Tae Pe« (2022) untersuchte ich zudem, wie die Lyrik Li Tae Pes im Westen rezipiert und übersetzt wurde.
In den darauffolgenden Jahren vereinte ich eigene und übersetzte Werke in Bänden wie »Liebes-Sonette: Wolf und Engel« (2022). Es folgten »Brechts Leben und Werk im Spiegel des Sonetts« (2022), eine Adaption seiner Prosaschriften zur Lyriktheorie in Sonettform, sowie die Auswahlbände »100 Sonette« (2022) und »100 Sonette für die Liebe« (2023). Mein Weg führte mich weiter über sakrale und zeitgenössische Themen in »Sonette an Gott« (2024), »Corona-Sonette« (2024), den »Walter Benjamin-Zyklus« (2024) bis hin zum »Dialog mit Brecht durch 'Corona-Sonette'« (2024). All diese Werke waren Versuche, die Grenzen der koreanischen Sprache innerhalb der strengen Sonettform auszuloten.
Nun wage ich einen weiteren Schritt: Die Übersetzung meiner »100 LiebesSonette« ins Deutsche. Drei Jahre nach der Erstveröffentlichung scheint die Zeit reif, diese Brücke zwischen den Sprachen zu schlagen.
Vielleicht wird mancher fragen: „Wie lässt sich ein koreanisches Sonett in die strengen metrischen Fesseln des deutschen Sonetts übertragen?“ Auch nach vier Jahrzehnten in Deutschland ringe ich als Dichter noch immer mit der Sprache. Doch ich habe den Versuch gewagt, meine eigenen Werke so nah wie möglich an die deutsche Formtradition heranzuführen, ohne dabei ihren Kern zu verlieren. Mein tiefer Wunsch ist es, die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie koreanische Lyrik – und insbesondere das Sonett – in Weltsprachen Gehör finden kann.
Meine Absicht ist es, durch dieses Werk noch deutlicher zu machen, warum ich mir die klassische westliche Form des Sonetts zu eigen gemacht habe, um einhundert Liebeslieder zu dichten, und weshalb ich diese nun mit Bedacht wieder ins Deutsche zurückführe. Ich hege die Hoffnung, dass dies nicht nur bei den Lesern, sondern auch bei meinen Dichterkollegen das Interesse an der kunstvollen Strenge und den grenzenlosen Möglichkeiten des Sonetts neu entfacht.
Den Frühlingswind aus dem Schwarzwald, voller Liebe,
weit übers sibirische Land zur Heimat hin, entsende ich
im April 2026
Kyoung-Min Joo